Der alte Mann und das Laubhüttenfest

(Johannes 7, 1-39)

Rolf Müller

 

Der Herr Jesus hatte sich länger als ein Jahr in Galiläa aufgehalten. Er hatte Jerusalem gemieden. Er wusste um die wachsende Feindschaft der jüdischen Oberen. Er wusste, dass sie ihm nach dem Leben trachteten. Er wusste, dass seine Stunde noch nicht gekommen war. Nun nahte die Zeit des Laubhüttenfests heran. Die Festpilger zogen in Scharen nach Jerusalem.

 

Der alte Mann liest, dass sich die Brüder Jesu an den Herrn wenden: „Geh nach Judäa, besuche Jerusalem! Die Leute dort sollen die Werke sehen, die du tust! Zeig ihnen, wozu du fähig bist!“ Die Brüder Jesu hielten es für Zeitverschwendung, im Verborgenen zu wirken. Jerusalem, nicht das verachtete Galiläa sollte Schauplatz seiner Taten sein.

 

Dem alten Mann fällt auf, dass der Evangelist Johannes schreibt: „Denn auch seine Brüder glaubten nicht an ihn.“ Ihr Drängen entsprach ihrem Unglauben. Sie hatten kein Verständnis für ihn. Ihre Gedanken waren menschlich. Sie wollten, dass ihr Bruder groß herauskam. Der Herr Jesus sagte ihnen: „Meine Zeit ist noch nicht da.“ Er ließ sich nicht von Menschen beeinflussen. Er wartete auf die Stunde seines himmlischen Vaters. Er lehnte es ab, seine Brüder auf das Fest zu begleiten. Einige Zeit danach ging er dann doch zum Fest.

 

Für den alten Mann ist das kein Widerspruch. Der Herr Jesus lief nicht mit dem großen Haufen. Er ging nicht mit den Zwölfen. Er tat es im Verborgenen. Er ging allein. Ganz still und unbemerkt kam er in Jerusalem an. Niemand wusste, dass er da war.

 

Die Juden suchten Jesus beim Fest. Sie hatten erwartet, dass er kommt. Die Meinungen über ihn waren gespalten. Einige hielten ihn für fromm. Die anderen Juden beschuldigten ihn der Volksverführung. Das alles wurde unter vorgehaltener Hand gesagt. Man wagte nicht, frei und offen darüber zu sprechen. Es gab ein ängstliches halblautes Gemurmel im Volk.

 

Wer jetzt gedacht hatte, Jesus verstecke sich aus Feigheit, wurde eines Besseren belehrt. In der Mitte des Festes ging Jesus hinauf in den Tempel und lehrte. Viele Zuhörer versammelten sich um ihn. Sie kamen aus dem Staunen nicht heraus. Sie wunderten sich: „Woher kennt er die Schrift? Er hat doch gar nicht studiert!“ Der Herr Jesus setzte seine gelehrten Gegner in Erstaunen. Sie rätselten, woher er diese Weisheit hatte. Jesus erklärte es ihnen:

 

„Meine Lehre stammt nicht von mir. Ich habe sie von dem, der mich gesandt hat. Wer bereit ist, zu tun, was Gott will, wird erkennen, ob meine Lehre von Gott ist oder ob ich sie mir selbst ausgedacht habe.“

 

Einige Leute wunderten sich. Das ist doch der, den sie umbringen wollten. Er lehrt hier öffentlich im Tempel und niemand sagt ein Wort. Sind denn unsere Oberen jetzt auf seine Seite gewechselt? Ist er vielleicht doch der Messias?

 

Der Herr Jesus sagt ihnen ganz klar, was Sache ist. „Der wahrhaftige Gott hat mich gesandt und den kennt ihr nicht!“ Diese Aussage war den Juden zu viel. Sie waren empört und wollten ihn festnehmen lassen. Doch keiner wagte es, Hand an ihn zu legen. Seine Stunde war noch nicht gekommen. Am letzten Tag des Festes, der gleichzeitig der schönste war, rief Jesus in die Menge:

 

„Wenn jemand Durst hat, soll er zu mir kommen und trinken! Wenn jemand an mich glaubt, werden Ströme von lebendigem Wasser aus seinem Inneren fließen, so wie es die Schrift sagt.“

 

Wer glaubt, hat das ewige Leben. Wer nicht trinkt, glaubt nicht. Glauben heißt, vom lebendigen Wasser trinken. Jeder Durstige ist willkommen. Aus Christus fließen die Ströme des lebendigen Wassers. Er ist der Heilsbrunnen, zu dem die Durstigen geladen sind.

 

Nun gib uns Pilgern aus der Quelle

der Gottesstadt den frischen Trank;

lass über der Gemeinde helle

aufgehn dein Wort zu Lob und Dank.

 

Gib deiner Liebe Lichtgedanken

mit Vollmacht uns in Herz und Mund,

mach, woran Leib und Seele kranken,

durch deine Wunderhand gesund.

 

(Otto Riethmüller).

 

 Mit freundlicher Genehmigung

Autor: Rolf Müller