Der alte Mann und das Christuszeugnis

 Rolf Müller

 

Das hätten sie sich nicht träumen lassen. Das hatten sie nicht erwartet. Ihr Leben hatte sich mit einem Schlag grundlegend verändert. Mitten im Berufsalltag hatten sie eine Begegnung mit Jesus. Sie hatten keinen blassen Schimmer, was ihnen bevorstand. Doch sie waren mitgegangen.

 

Der alte Mann bewundert die Entscheidungsfreudigkeit der ersten Jünger. Er selbst ist eher zögerlich. Spontane Entschlüsse sind nicht sein Ding. Er muss Zeit für reifliche Überlegungen haben. Die Zwölf ließen alles stehen und liegen und folgten Jesus nach. Sie waren beeindruckt von ihrem Meister. Er heilte Kranke. Er trieb Dämonen aus. Er speiste tausende Menschen. Er predigte gewaltig. Sie dachten: „Wir haben das große Los gezogen!“ Petrus bekennt es: „Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn!“ Damit hatte er den Nagel auf den Kopf getroffen.

 

Den alten Mann wundert es, wie bald die Euphorie verfliegt. Als Jesus den Jüngern erklärt, dass sein Weg ans Kreuz führt, protestieren sie. Der Herr wehrt den Einspruch des Petrus als Angriff Satans ab. Bei seiner zweiten Leidensankündigung protestieren sie wieder. Sie verstanden nichts. Es brach ein Wettstreit aus, wer der Größte von ihnen sei. Petrus will es genau wissen: „Was bringt es uns, dass wir Beruf, Familie und Freundeskreis deinetwegen verlassen haben? Was haben wir davon?“

 

Nach der dritten Leidensankündigung des Herrn heißt es als Reaktion: „Sie aber begriffen nichts davon, und der Sinn der Rede war ihnen verborgen, und sie verstanden nicht, was damit gesagt war.“ (Lukas 18,34).

 

Zwei Jünger sind sich nicht zu schade, durch Machtspielchen ihr völliges Unverständnis zur Schau zu stellen. Sie wünschen sich, als Stellvertreter Jesu zu seiner Rechten und zu seiner Linken zu sitzen und zu herrschen. Sie haben den Eindruck, dass es Posten zu verteilen gibt.

 

Der alte Mann bewundert den Herrn Jesus, wie er den Jüngern geduldig erklärt, dass dienen und nicht herrschen die Sache der Nachfolger Jesu ist. Die Jünger haben bis zuletzt nicht richtig begriffen, wer Jesus wirklich war und welche Aufgabe er hatte.

 

Auch nach seiner Auferstehung waren sie nur mühsam und nur schrittweise bereit, die Wirklichkeit anzuerkennen und den Realitäten Auge zu sehen.

 

Der alte Mann ist weit davon entfernt, die Jünger für ihre Begriffsstutzigkeit und ihr Unverständnis zu verurteilen. Es gibt keinen Grund, überheblich zu sein, weil wir es heute besser wissen. Nach Pfingsten waren die Jünger wie verwandelt. Aus feigen Angsthasen wurden mutige Bekenner.

 

Als Folge der Ausgießung des Heiligen Geistes entstand die Gemeinde Jesu. Ohne die Gabe des Heiligen Geistes kann niemand den Herrn Jesus erkennen. Der Heilige Geist wirkt in den Herzen. Der Heilige Geist öffnet den Mund. Der Heilige Geist gibt Zeugnis unserm Geist, dass wir Kinder Gottes sind. Der Heilige Geist wirkt durch das Wort Gottes. Menschen werden froh und bekommen die Gewissheit ihrer ewigen Errettung. Der Heilige Geist wirkt durch die ganze Heilige Schrift. Der Christ braucht nichts anderes mehr. Das ist genug. Mit weniger darf er sich aber auch nicht zufrieden geben.

 

Ein reines Herz, Herr, schaff in mir,

schließ zu der Sünde Tor und Tür;

vertreibe sie und lass nicht zu,

dass sie in meinem Herzen ruh.

 

Dir öffn ich, Jesus, meine Tür,

ach komm und wohne du bei mir;

treib all Unreinigkeit hinaus

aus deinem Tempel, deinem Haus.

 

Lass deines guten Geistes Licht

und dein hellglänzend Angesicht

erleuchten mein Herz und Gemüt,

o Brunnen unerschöpfter Güt,

 

und mache dann mein Herz zugleich

an Himmelsgut und Segen reich;

gib Weisheit, Stärke, Rat, Verstand

aus deiner milden Gnadenhand.

 

So will ich deines Namens Ruhm

ausbreiten als dein Eigentum

und dieses achten für Gewinn,

wenn ich nur dir ergeben bin.

 

(Heinrich Georg Neuß).

 

 

Mit freundlicher Genehmigung

Autor: Rolf Müller